„Er ist dann mal weg!“ – ein Blick zurück nach vorn

Als ich im Februar 2006 mein Domizil auf der Insel Usedom im Kaiserbad Bansin verließ und noch einmal an der Universitätsstadt Greifswald vorbei fuhr, blickte ich auf eine sehr erfüllte Zeit mit vielen prägenden Erfahrungen, Erlebnissen und Erkenntnissen zurück. Dieses Studiensemester war eine lebensnotwendige qualifizierte Unterbrechung gewesen, die mir half die ersten zehn Jahre in Witten mit all den privaten und beruflichen Höhenflügen und Bruchlandungen zu verarbeiten.
Nun ging es wieder zurück nach Witten. Aus dem hauptberuflichen Jugendmitarbeiter mit leichten pastoralen Tätigkeiten war ein Vorsitzender geworden mit geschäftsführenden Verantwortlichkeiten, der zum Glück nicht wusste, was die nächsten Jahre bringen würden. Nun weiß ich es und danke Gott für die Möglichkeit in der Evangelischen Kirche von Westfalen alle zehn Jahre ein solches Studiensemester einlegen zu können.
Denn auch die letzten Jahre haben meinen Lebensrucksack eher voller werden lassen. Die ihn füllenden Herausforderungen wurden weder leichter noch weniger. Und auch bei den gemeinsam erfolgreich bearbeiteten Veränderungsprozessen wie dem Umbau von einer zwei- auf eine einpfarrstellige Gemeinde, den bearbeiteten Baustellen wie die zeitgemäße Neuausrichtung unserer Konfirmandenarbeit im Teens-Tag, dem Verkauf einer Orgel, einem Relaunch der Galerie im Rahmen des Weihnachtsprojektes oder dem Aufbau externer Kontakte wie z.B. im Maschinchen Buntes lässt halt jeder Federn, bleiben Blessuren zurück und man trägt ein wenig mehr an Erfahrungen mit sich herum. Und da sind die privaten Kraftakte noch gar nicht mitbedacht. Hinzu kommen die Fragen nach einer beruflichen Gestaltung der nächsten (letzten!?) Jahre auf der vermeintlichen Zielgeraden im Berufsleben: was kann ich? Was will ich? Wo sind meine Grenzen? Was kann ich aber auch noch entwickeln? Woran kann ich arbeiten? Was möchte ich noch ausprobieren?
Ein Studiensemester bietet die Möglichkeit aus dem alltäglichen Hamsterrad auszusteigen bevor man herausgetragen werden muss, seinen Lebensrucksack einmal auszupacken, um zu entscheiden, was möchte ich weiter mitnehmen und was möchte ich hinter mir lassen. Dann wirft man einen langen Blick auf seine Lebenswanderkarte, um sich einmal gründlich zu orientieren, wo war ich, wo stehe ich und wo will ich noch hin. Das alles möchte ich in der Zeit vom 01.04.-04.08.2019 gerne tun.
Ich werde in Wittenberg wohnen und dort am Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur der EKD Veranstaltungen besuchen. Ich werde als Gasthörer an der Universität Leipzig Angebote besonders im Bereich der praktisch-theologischen Fakultät wahrnehmen. Vielleicht mache ich auch noch einen Abstecher nach Braunschweig zum „Atelier Sprache“ um mir dort die homiletisch ausgerichtete Arbeit anzusehen. Das Befähigen und Begleiten von Menschen in unseren Gemeinden zum selbstständigen Durchführen und Verantworten des gottesdienstlichen Lebens sowie das Coachen und Schulen von begabten Gemeindegliedern für den Dienst an Wort und Sakrament ist landauf landab ein nicht mehr zu übersehender Themenschwerpunkt an den Ausbildungsstätten und in den kirchlichen Praxisfeldern. Ich möchte neben der persönlichen Standortbestimmung auch Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse sammeln, die dann unserem Weg hier in Witten wieder zugutekommen sollen.
Und ich danke unserer Gemeinde dafür, dass Ihr mir das ermöglicht. Das ist nicht selbstverständlich. Ich wünsche mir aber auch, dass ihr dies mehr als Chance, denn als Not betrachtet. Und wenn wir uns dann wiedersehen, wird hoffentlich keiner von uns auf die Frage: „Und wie isset?“ sagen „Wie sollet schon sein. Alles beim Alten!“ So langweilig kann es gar nicht sein, wenn wir mit Jesus im Reich Gottes unterwegs sind. Ich wünsche mir Antworten wie: „Du, dass muss ich dir unbedingt erzählen. Während du weg warst, ist folgende irre Geschichte passiert…“ Und wir sitzen zusammen und quatschen, palavern, weinen, trauern, beten, träumen, lachen. Dann schultern wir unsere Lebensrucksäcke, werfen nochmal einen kurzen Blick auf unsere Lebenswanderkarten und machen uns gemeinsam weiter auf den Weg, die einen weil sie mich kennen, die anderen, obwohl sie mich kennen, aber immer gespannt was hinter der nächsten Kurve auf uns wartet…
Witten, 01.02.2019
Euer Dirk

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