“Was ­wiegt eine Schneeflocke?” fragte eine Tannenmeise die Taube. “Nicht mehr als ein Nichts”, gab sie zur Antwort. “Dann muß ich dir eine wunderbare Geschichte erzählen”, sagte die Meise: “Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing. Nicht etwa heftig im Sturmgebraus, nein, wie im Traum: lautlos und ohne Schwere. Da nichts Besseres zu tun war, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und auf die Nadeln des Astes fielen und daran hängen blieben. Genau Dreimillionensiebenhunderteinundvierzigtausendneunhundertzweiundfünfzig waren es. Als die dreimillionensiebenhunderteinundvierzigtausendneunhundertdreiundfünfzigste Flocke niederfiel, nicht mehr als ein Nichts, brach der Ast ab.” Damit flog die Meise davon. Die Taube, seit Noahs Zeiten eine Spe­zialistin in Sachen `Zweigé, sagte zu sich nach kurzem Nachdenken: “Viel­leicht fehlt nur eines einzelnen Menschen Stimme zum Frieden der Welt.”

Von solchen Kipppunkten ist immer häufiger die Rede. Wir kennen sie als points of no return aus den diversen Zukunftsszenarios für den Klimawandel. Und es ist ja auch sinnenfällig: einen ins Meer gekippten Arktisgletscher tackert man nicht einfach wieder an und all die aufgrund großer Trockenheit umgekippten Nadelhölzer im Sauerland kann man auch nicht einfach wieder in den Boden rammen. Es gibt diese Kipppunkte aber auch in Sozialsystemen einer Gesellschaft im Zusammenspiel von Minderheiten und Mehrheiten. In Erinnerung an den Freiheitskämpfer Nelson Mandela erschien auf spectrum.de ein Artikel unter der Überschrift „Wie Minderheiten die Welt verändern“ Nelson Mandela und Martin Luther-King sind Beispiele dafür, wie Menschen aus einer schwächeren Position heraus das gesellschaftliche Gleichgewicht zu Gunsten einer Gruppe verschieben können, für die sie eintreten. Die Grundvoraussetzung dafür ist u.a. Geduld haben. Der Einfluss von Minderheitenmeinungen entwickelt sich daher in der Regel verborgen, also nicht direkt von außen wahrnehmbar. Erst wecken die Positionen Interesse, dann macht man sich privat seine Gedanken, und dann fließen die Argumente langsam in eigene Überlegungen ein – manchmal so weit, dass die eigene Überzeugung ins Wanken gerät. Solch ein Mechanismus ist natürlich nun genau so Krise wie Chance. Aber mir macht er Hoffnung für uns Christen und für unsere Gemeinden, dass wir auch als Minderheiten bewahrend und bewegend etwas im Sinnen des einen großen weltgeschichtlichen Kipppunktes der Geburt Jesu in Richtung Hoffnung bleibend verändern können.

Und während ich auf die eine Schneeflocke warte, lausche ich nach der einen Stimme, die noch fehlt, die das eine Gebet spricht oder das eine Lied singt, das gebraucht wird. Ich halte Ausschau nach der einen unerwarteten und ungeplanten Tat, mit der ein Schmetterling ordentlich Wind machen kann, auf dass es wieder ein wenig friedlicher, liebevoller und hoffnungsfroher auf Erden werde. Auf der Suche nach dem einen Men­schen bin ich. Vielleicht bist Du es?!“

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