Neulich hörte ich jemanden, der reich an Lebensjahren war, sagen: „Wir haben schon so viel überstanden, da überstehen wir das bisschen Pandemie auch noch!“ Ich war beeindruckt von so viel Zuversicht. Das ist ein Geschenk und nicht immer jedem gegeben.

Als ich mich kürzlich vom Martin-Luther-Zentrum aus auf den Heimweg hoch zum Helenenberg machte, traf ich einen mir bekannten pensionierten Wittener Lehrer. Auf die Frage, wie es ihm denn ginge, antwortete er „Gut. Ich bin dankbar für jeden Tag, den ich erleben darf. Denn eigentlich wäre ich gar nicht mehr am Leben.“ Ich stutzte und fragte: „Wie meinen Sie das?“ Dann erzählte er mir seine Geschichte. Damals als die Wilhelm Gustloff am 30.Januar 1945 vor der Ostseeküste sank, wäre er beinahe mit an Bord gewesen. Er hatte mit vielen, die beim Ablegen des Schiffes am Kai des Hafens zurückbleiben mußten, geweint, geschrieen und geflucht. Wenig später hat er einen Platz auf einem anderen Kutter gefunden und mit angesehen, wie die Gustloff und mit ihre viele tausend Menschen unterging. Noch heute hätte er das Weinen, Schreien und Fluchen im Ohr, das weit über die Ostsee tobte. Aber er hatte überlebt, weil sein sehnlichster Wunsch, mit auf diesem Schiff zu sein, nicht in Erfüllung gegangen war.

Das macht die Tragödie des untergegangen Schiffes für die Angehörigen der darin Gestorbenen in keiner Weise tröstlich oder gar leichter erträglich. Aber für den Wittener Lehrer ist dies nun seitdem ein täglicher lebenstragender Grund zur Dankbarkeit. „Wir haben schon so viel überstanden, da überstehen wir das bisschen Pandemie auch noch!“ So ein zuversichtlicher Satz macht die Tragödien in den Seniorenheimen, Krankenhäusern und unseren Heimatorten nicht kleiner oder weniger schmerzhaft. Aber wir können uns gegenseitig helfen, in dem wir uns unsere Überlebensgeschichten erzählen. Was haben Sie nicht alles überstanden? Was oder wer hat Ihnen geholfen weiterzumachen? Es kann Ihnen helfen, den Mut nicht aufzugeben, wenn Sie solche Erlebnisse und Erfahrungen einander weitergeben.

Orte, an denen wir dies tun können, sind z.b. das Café Schelle oder die Martin-Luther-Kirchengemeinden. Dort finden wir Menschen, die sich kümmern und sorgen, die sich einsetzen und den anderen nicht aus dem Blick verlieren. Auch wenn es schade und schwer ist, dass wir einander zur Zeit nur eingeschränkt begegnen können, werden auch wieder besser Zeiten kommen. Bis dahin greifen Sie zum Telefonhörer und rufen einander an, lassen Sie sich von Freunden, Nachbarn und Familienmitglieder sogar zeigen wie sie ein Voicemail aufnehmen und verschicken können. Oder greifen Sie zum guten alten Briefpapier und Stift und schreiben jeden noch so kurzen Gedanken auf, den sie dann einem anderen in den Postkasten werfen lassen können. Ja, bei allem modernen Zeugs gibt sie noch die gute, alte Post. Jeder Gruß, jedes Wort und jedes Lebenszeichen kann so zu einem Trostpflaster werden, mit dem wir einem lieben Menschen seine seelischen Wunden versorgen können. Bleiben Sie in Kontakt. Als Pfarrer habe ich die Erfahrung gemacht: Bei allen Lasten, die uns das Leben auf lädt, hilft Gott uns auch tragen und wenn es ganz schwer wird und jeder sich selbst zur Last wird, trägt er sogar uns selbst noch mit, auch wenn wir es gar nicht merken. Diese Zuversicht dürfen sie haben und einander mitteilen.

Und jetzt hört diese Worte noch mal mit der Stimme Gottes, der es Euch ganz persönlich zusagt: „Wir haben schon so viel überstanden, da überstehen wir das bisschen Pandemie auch noch! Lasst einander nicht fallen, denn das tue ich auch nicht!“

Dirk Schuklat

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