Eine der tröstlichsten Sätze, die man am Anfang eines neuen Jahres hören kann, lautet:
„Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende.“
Genau diese Hoffnung trägt das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes. Ihr Ende ist nicht das große Armageddon eines Katastrophenfilms, nicht das erhoffte Nichts eines Nirvanas und auch kein Ragnarök der nordischen Mythen. Am Ende steht eine Verheißung Gottes. Eine Zusage. Ein Wort, das Zukunft öffnet:
„Siehe, ich mache alles neu!“
Was im Schöpfungsbericht mit den Worten begann: „Und siehe, es war sehr gut“, findet hier seinen Gegenklang. Die Bibel erzählt die Geschichte der Welt nicht als Abstieg ins Chaos, sondern als Weg, der von Gott herkommt und zu Gott hinführt. Gott sagt nicht: Alles wird ersetzt. Er sagt: Alles wird neu gemacht.
Und Johannes entfaltet dieses Wort: Gott wird die Tränen abwischen. Tod, Leid, Geschrei und Schmerz werden nicht mehr das letzte Wort haben. „Ich bin das A und das O“, sagt Gott, „der Anfang und das Ende.“
Man könnte es vergleichen mit einem Kind, das zu seinen Eltern kommt, etwas Kaputtes in den Händen hält und sagt: „Ist mir leider kaputt gegangen. Kannst du das wieder heil machen?“ Dann kniet man sich gemeinsam hin, schaut sich den Schaden an. Manches lässt sich reparieren. Manches muss neu aufgebaut werden. Aber niemand wird allein gelassen.
Oft ist unser Leben eher wie in dem berühmten Loriot-Sketch: „Das Bild hängt schief.“ Eigentlich war alles gut, und dann musste jemand noch einmal nachjustieren. Seitdem versuchen wir, die Dinge passend zu machen – manchmal mit feinem Werkzeug, manchmal mit Vorschlaghammer und Brechstange. Viele kennen das aus dem eigenen Leben: Man wollte nur eine Kleinigkeit ausbessern, und plötzlich liegt alles offen, staubig, unfertig. Wie gut, wenn man in solchen Momenten nicht allein bleibt. Wie gut, dass Gott nicht sagt: „Du hast es kaputt gemacht, jetzt sieh zu.“ Sondern: „Siehe, ich mache alles neu.“
Die Offenbarung des Johannes ist in einer Situation entstanden, die von Angst und Bedrängnis geprägt war. Johannes schreibt von der Insel Patmos aus an Gemeinden in Kleinasien. Der Kaiserkult forderte göttliche Verehrung, Macht beanspruchte Absolutheit. Dagegen setzt Johannes sein klares Bekenntnis: Kyrios Christos – Herr ist Christus.
Apokalypse bedeutet dabei nicht Weltuntergang, sondern Aufdeckung, Enthüllung. Ein Blick hinter das, was vordergründig Angst macht. Eine andere Wirklichkeit wird sichtbar – tröstlich, stärkend, hoffnungsvoll. Und diese Wirklichkeit beginnt nicht erst am Ende aller Zeiten, sondern schon jetzt und hier.
Entscheidend ist: Das Neuwerden kommt von außen. Wir selbst haben keinen Reset-Knopf. Wir nehmen unsere Erfahrungen, Prägungen und Verletzungen immer mit. Es gibt keinen klimaneutralen Menschen, keinen unbelasteten Neuanfang. Aber es gibt die Zusage Gottes, dass unser Leben nicht im Unfertigen steckenbleibt.
Paulus bringt es so auf den Punkt:
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17)
Dieses Neuwerden ist Geschenk – und zugleich Auftrag. Versöhnung empfangen und Versöhnung weitergeben. Tränen abwischen, wo wir können. Leid lindern, wo es möglich ist.
Manchmal beginnt das ganz klein. Wie ein Lied, das nach einem langen Winter Hoffnung weckt: Here comes the sun. Die Sonne kommt. Das Leben kommt zurück. Und mit ihr auch das Lächeln.
Oder wie bei einem Mann in Brescia, der nachts durch die Straßen zieht. Tagsüber ist er Maler, nachts überstreicht er hässliche, hasserfüllte Schmierereien an Hauswänden. Kunst lässt er stehen. Aber das, was verletzt und entstellt, lässt er verschwinden. Am Morgen sind die Wände frisch gestrichen. Zurück bleibt ein Zettel:
„Dies ist ein Akt urbaner Liebe.“
Vielleicht ist genau das unsere Aufgabe im Jahr 2026: mitzuwirken an diesem Neuwerden. Nach unseren Gaben. An unserem Ort. Nicht die Welt retten, aber ein Stück heiler machen. Ein wenig weniger Gründe für Geschrei und Schmerz. Ein paar Tränen abwischen.
Und darauf vertrauen:
Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.
Amen.
