„Dann sollst du fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der HERR, dein Gott, dir und Deiner Familie gegeben hat.“ (5. Mose 26,11)
Diesen Monat gibt es also ein biblisches Wort aus der Kategorie „Traue keinem Bibelwort, das Du nicht selbst übersetzt und zu Ende gelesen hasst.“
Auf den ersten Blick klingt dieser Satz vertraut und beinahe idyllisch. Dankbarkeit, Freude, das Gute im Leben – wer würde dem widersprechen? Schnell entsteht vor dem inneren Auge ein Bild von Sicherheit, Geborgenheit und einem überschaubaren Kreis: wir für uns, im privaten Glück.
Doch wie so oft lohnt es sich, genauer hinzusehen. Der biblische Text bleibt nicht bei dieser vermeintlichen Idylle stehen. Im hebräischen Original steht hier kein Wort für „Familie“ im heutigen Sinn. Stattdessen wird aufgezählt, wer zur Freude gehört: du – der Levit – und der Fremde, der in deiner Mitte lebt.
Damit wird die Szene schlagartig weiter. Der Levit ist jemand ohne eigenen Landbesitz, zuständig für Gottesdienst, für die Weitergabe des Glaubens, für Erinnerung und Orientierung. Der Fremde ist kein Gast auf Zeit, sondern ein Mensch, der dauerhaft in der Gemeinschaft lebt – mit weniger Rechten, weniger Sicherheit, oft übersehen. Beide stehen für Menschen, die nicht selbstverständlich abgesichert sind.
Die Pointe ist deutlich: Dankbarkeit ist im biblischen Sinn kein privates Gefühl, sondern eine Haltung, die sichtbar wird. Sie zeigt sich darin, dass Freude geteilt wird. Wenn sie bei mir bleibt, wenn sie sich nur im eigenen Glück einrichtet, verfehlt sie ihr Ziel.
Das ist erstaunlich aktuell. Denn wir leben in widersprüchlichen Bildern von Familie und Gemeinschaft. Auf der einen Seite wird „Familie“ oft zum absoluten Wert erklärt – als letzter Halt, als Instanz über allem. Wer dazugehört, muss alles geben; wer sich löst, gilt schnell als Versager oder Verräter. Auf der anderen Seite wissen viele aus eigener Erfahrung, dass Nähe auch belasten kann, dass Beziehungen zerbrechen, dass das Ideal vom heilen Familienleben der Wirklichkeit oft nicht standhält.
Die Bibel geht einen anderen Weg. Sie verklärt Familie nicht – und sie verachtet sie nicht. Sie setzt nicht voraus, dass Beziehungen perfekt sind oder dass alles heil wird. Sie stellt eine andere Frage: Ist Platz für andere? Gibt es Raum über den engen Kreis hinaus? Wird das Gute, das Gott schenkt, offen gehalten?
Dankbarkeit bekommt hier eine soziale Gestalt. Sie wird zu Tischgemeinschaft, zu geteilter Freude, zu einer Bewegung nach außen. Nicht moralisch, nicht erzwungen, sondern als Ausdruck dessen, was Gott schenkt. Gottes Gaben sollen nicht eingesperrt werden – weder in Besitz noch in Ideale.
Vielleicht ist das eine tröstliche Perspektive für unser eigenes Leben. Vielleicht ist das Gute Gottes manchmal nicht, dass alles wieder so wird, wie es einmal gedacht war. Vielleicht ist das Gute Gottes, dass Gemeinschaft möglich bleibt – auch dort, wo Brüche sichtbar sind. Begrenzte Gemeinschaft. Verletzliche Gemeinschaft. Aber echte Gemeinschaft.
Der Bibelvers lädt ein, Dankbarkeit neu zu verstehen: nicht als Gefühl, das ich hüte, sondern als Freude, die ich teile. Mit denen, die tragen. Mit denen, die erinnern. Und mit denen, die in unserer Mitte leben und sonst leicht übersehen werden.
Amen.
Dirk Schuklat
