Ostern fängt manchmal wie ein Kinderspiel an: „Ich sehe was, was Du nicht siehst.“, rufen wir, während wir die Eier suchen und den Kindern dabei helfen wollen, sie auch zu finden. Dann wird das Fest aber schnell erwachsen und wir spielen: Ich glaube was, was Du nicht siehst. Da soll Leben stärker sein als der Tod, Hoffnung als Verzweiflung, Liebe als Hass. Und das alles nicht nicht beweisbar, aber trotzdem tragfähig für unser Leben? Fakenews riefen sie damals schnell, der Jesus ist gar nicht gestorben, sondern seine Anhänger haben ihn aus dem Grab gestohlen oder vielleicht war er scheintot. Wem können wir da noch glauben?

Vielleicht passt deshalb Ostern 2026 besonders gut zu der Figur, die man seit Jahrhunderten vorschnell „den ungläubigen Thomas“ nennt. Denn Thomas steht für eine Erfahrung, die viele kennen: Man möchte glauben, aber man will nicht so tun, als wäre alles klar. Das ist auch in unseren Zeiten gut so mit einem gewissen methodischen Zweifel an die Infos ranzugehen. 

Thomas ist nicht dabei, als die anderen Jünger Jesus sehen. Er hört nur ihren Satz: „Wir haben den Herrn gesehen.“ Und Thomas antwortet nicht arrogant, sondern ehrlich: Erst wenn er die Spuren der Nägel sieht und seine Hand in Jesu Seite legen kann, wird er glauben. In der Sprache des Johannesevangeliums ist das eine starke Verneinung: „… sonst werde ich ganz sicher nicht glauben“ (οὐ μὴ πιστεύσω). Thomas fordert Berührung, weil er nicht bereit ist, sich mit Gerüchten zu trösten. 

Acht Tage später kommt Jesus – wieder bei verschlossenen Türen, wieder mit dem Gruß „Friede sei mit euch“. Und dann passiert etwas Erstaunliches: Jesus beschämt Thomas nicht. Er hält keine Standpauke über „zu wenig Glauben“. Er kommt Thomas entgegen. Er sagt: „Führe deinen Finger hierher … lege deine Hand in meine Seite.“ Und dann dieser Satz, der wie ein inneres Umschalten klingt: „Werde nicht ungläubig, sondern gläubig“ (μὴ γίνου ἄπιστος ἀλλὰ πιστός). Der Auferstandene bleibt der Gekreuzigte. 

Damit steht Johannes nicht allein. Auch Lukas erzählt, wie die Jünger erschrecken und meinen, sie sähen einen Geist – und Jesus antwortet: „Fasst mich an und seht.“ Ostern bedeutet: Der Lebendige ist nicht „unwirklich“, sondern real und tröstlich. 

Und Thomas? Er spricht nicht lange. Er sagt den vielleicht kühnsten Satz des ganzen Evangeliums: „ὁ κύριός μου καὶ ὁ θεός μου“ – „Mein Herr und mein Gott!“ Thomas kommt über die Wunden zum Bekenntnis. Der Weg in den Glauben führt bei ihm nicht an der Realität des Leidens vorbei, sondern mitten hindurch. 

Dann folgt Jesu Wort, das uns bis heute beschäftigt: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ (μακάριοι οἱ μὴ ἰδόντες καὶ πιστεύσαντες). Ist das ein Tadel an Thomas? Oder eine Verheißung für alle, die später kommen – also für uns? 

Viele haben diesen Vers wie einen moralischen Zeigefinger gehört: „Glaub endlich, ohne Fragen!“ Aber die Erzählung selbst spricht feiner. Denn die anderen Jünger haben auch erst geglaubt, als sie gesehen haben. Und Johannes erzählt nicht einmal ausdrücklich, dass Thomas die Wunden wirklich berührt – vielleicht reicht ihm schon, dass Jesus ihn „durchschaut und annimmt“. So wird Jesu Wort am Ende weniger zu einer Abwertung des Zweifelnden, sondern zu einer Zusage an die Nachgeborenen. 

Das ist eine echte „Lizenz zum Zweifeln“: Zweifel ist nicht das Gegenteil von Glauben. Zweifel kann der Ort sein, an dem Glaube ehrlich wird. Im Griechischen stehen sich ἄπιστος (nicht-vertrauensvoll) und πιστός (vertrauend, verlässlich) gegenüber. Jesus lädt Thomas nicht ein, weniger Mensch zu sein, sondern mehr Vertrauen zu wagen – trotz offener Fragen. 

Vielleicht hilft hier ein Blick zurück: In Johannes 11,35 heißt es knapp: „Jesus weinte.“ Und Hebräer 5,7 erinnert an Jesu „Bitten und Flehen … mit Tränen“. Der Auferstandene kennt nicht nur die großen Antworten – er kennt auch Enge, Angst, Trauer. Darum muss Glaube nicht so tun, als sei alles sicher. Glaube darf sagen: „Ich bin mir nicht sicher – aber ich bleibe dran.“ 

Was heißt das praktisch im Alltag – in einer Zeit, in der so vieles unsichtbar ist: Zukunft, Sicherheit, Frieden, Gesundheit? Ein paar Schritte können helfen.

Erstens: Gib deinem Zweifel ein Gegenüber. Thomas bleibt in der Gemeinschaft der Jünger, auch wenn er anders fühlt als sie. Glaube ist oft „geliehener Glaube“: Wenn ich heute nicht glauben kann, trägt mich vielleicht der Glaube der anderen.

Zweitens: Suche nicht nur Beweise, sondern Begegnung. Jesus beantwortet Thomas’ Zweifel nicht mit einem Argument, sondern mit Nähe: „Komm her.“ Vielleicht ist das der österliche Weg: nicht alles verstehen – aber sich ansprechen lassen. Im Gottesdienst, in einem Lied, in einem Gespräch, in einem stillen Gebet. 

Drittens: Achte auf „Zeichen“ des Lebens. Johannes sagt am Ende seiner Ostererzählungen: Diese Dinge sind geschrieben, „damit ihr glaubt“. Das Evangelium will nicht zwingen, sondern öffnen: für Spuren der Auferstehung mitten im Leben – Versöhnung, neue Schritte, Frieden, die Kraft, wieder aufzustehen. Eine einfache Übung für die Osterwoche kann sein: Jeden Abend drei kleine „Zeichen“ notieren, die Leben ermöglichen – ein Anruf, ein Lächeln, ein gelöster Konflikt, ein Schritt nach draußen. 

Viertens: Hab Geduld mit dir. Thomas bekommt acht Tage Zeit. Osterglaube ist keine Sofortleistung. Und manchmal ist der erste Schritt nicht „Ich glaube“, sondern: „Ich halte mich fest.“ Und das genügt für heute – Gott geht mit. 

Ostern 2026 heißt dann: Du musst dich nicht für deine Fragen schämen. Du darfst mit ihnen kommen. Und du darfst hören, dass Christus nicht weggeht, wenn du zweifelst, sondern näherkommt. Er bleibt der Gekreuzigte mit Wunden – und gerade so der Lebendige. 

Vielleicht ist das der österliche Satz für dieses Jahr: Ich glaube was, was Du nicht siehst. Nicht, weil ich blind bin. Sondern weil ich mich tragen lasse – von Zeugnis, von Gemeinschaft, von kleinen Zeichen, von einem Christus, der sagt: Friede sei mit euch. 

Gebet: Auferstandener Christus, du kennst unsere Fragen und unsere Müdigkeit. Gib uns den Mut, ehrlich zu sein, und schenke uns Vertrauen, das wachsen darf. Lass uns deine Spuren erkennen – in Frieden, in Liebe, in neuem Leben. Amen.

Dirk Schuklat

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