„Jesus weinte.“
Manchmal sagt man im Alltag halb im Scherz: „Es ist zum Heulen.“ Doch hinter diesem Satz steckt oft mehr als Ironie. Es ist zum Heulen, wenn man eine Diagnose bekommt, mit der man nicht gerechnet hat. Wenn ein Mensch geht – freiwillig oder unfreiwillig. Wenn Beziehungen zerbrechen oder Pläne scheitern. Wenn man merkt, dass die eigene Kraft nachlässt oder sich das Leben plötzlich ganz anders entwickelt als gedacht.
Mitten in solche Erfahrungen hinein steht der wohl kürzeste Vers der ganzen Bibel: „Jesus weinte.“ Kein Kommentar. Keine Erklärung. Nur dieser eine Satz.
Er erzählt von einem Moment am Grab des Lazarus. Lazarus war ein Freund Jesu. Seine Schwestern Maria und Martha weinen, die Menschen um sie herum weinen – und Jesus weint mit ihnen. Das Erstaunliche daran ist: Jesus weiß, dass diese Geschichte nicht mit dem Tod enden wird. Er wird Lazarus gleich ins Leben zurückrufen. Und trotzdem weint er.
Die Bibel erzählt nur selten von Tränen Jesu. Neben dieser Szene gibt es noch eine zweite: Jesus weint über Jerusalem (Lukas 19). Dort blickt er auf eine Stadt, die den Weg zum Frieden verpasst. Seine Tränen gelten nicht nur einzelnen Menschen, sondern einer ganzen Gesellschaft. In beiden Situationen zeigt sich etwas vom Herzen Gottes:
Gott bleibt nicht unberührt vom Leid der Welt. Jesus weint nicht über Dinge, nicht über Strukturen, nicht über Zahlen. Er weint über Menschen.
Doch die Geschichte vom Lazarus hat noch eine andere Seite, die viele irritiert. Als Jesus hört, dass Lazarus krank ist, bricht er nicht sofort auf. Er wartet. Zwei Tage lang. Als er schließlich kommt, ist Lazarus bereits vier Tage tot. Vier Tage – das war damals die Grenze, nach der jede Hoffnung endgültig verloren schien. Martha sagt nüchtern: „Herr, er riecht schon.“ Warum wartet Jesus? Warum greift er nicht sofort ein?
Das sind Fragen, die viele Menschen kennen. Warum hilft Gott nicht schneller? Warum ändern sich manche Situationen erst so spät – oder scheinbar gar nicht? Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Diese Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Verherrlichung Gottes.“ Und: „Ich freue mich um euretwillen, dass ich nicht dort war, damit ihr glaubt.“ Das klingt zunächst hart. Doch vielleicht steckt darin eine Einladung: zu einem Glauben, der nicht nur dann trägt, wenn alles gut läuft. Sondern zu einem Vertrauen, das auch Zeiten aushält, in denen scheinbar nichts geschieht. Manchmal hat der Glaube seine „vier Tage“: Tage des Wartens. Tage der Ohnmacht. Tage, in denen sich nichts bewegt. Manchmal sind diese „vier Tage“ auch länger als gedacht.
Viele Menschen in unserer Gemeinde erleben gerade solche Zeiten. In den vergangenen Jahren haben viele ehren- und hauptamtlich Mitarbeitende mit hohem zeitlichen und persönlichem Engagement in Witten-Mitte daran gearbeitet, Wege in den Gemeinden aufeinander zu zu finden. Nun haben es die Martin-Luther-Kirchengemeinde und die Johannis-Kirchengemeinde geschafft, gemeinsam in eine neue Zukunft aufzubrechen. Gespräche, Ideen, Hoffnungen – aber auch Unsicherheiten, Rückschläge und Neuanfänge gehören zu diesem Weg. Am 1. Januar 2027 wird dieser Weg sichtbar: Dann werden unsere beiden Gemeinden zu einer gemeinsamen evangelischen Kirchengemeinde in Witten zusammengeführt. Solche Veränderungen bringen Freude und Aufbruch mit sich – aber auch Abschied und Trauer. Vertrautes geht zu Ende, Neues ist noch nicht ganz sichtbar. Auch das kann sich manchmal anfühlen wie eine Zeit des Wartens.
Doch die Geschichte vom Lazarus erinnert uns daran: Das Grab ist nicht das Ende der Geschichte. Jesus tritt vor das Grab und ruft mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ Und Lazarus kommt. Das Wunder geschieht – aber erst nach den Tränen. Vielleicht ist das eine wichtige geistliche Reihenfolge: Mitgefühl. Geduld. Und dann neues Leben. Interessant ist auch, was danach passiert. Jesus sagt zu den Menschen, die um ihn herumstehen: „Löst die Binden und lasst ihn gehen.“ Die Auferweckung geschieht durch Jesus. Doch die Befreiung aus den Grabtüchern geschieht gemeinsam. Auferstehung ist Teamarbeit. Vielleicht liegt darin auch eine Aufgabe für uns als Gemeinden: einander zu helfen, wieder ins Leben zu finden. Menschen Raum zu geben. Vertrauen zu stärken. Hoffnung wachsen zu lassen.
Die Tränen Jesu zeigen: Gott nimmt unsere Trauer ernst. Aber sie sind nicht das Ende der Geschichte. Ein Gott, der nicht weint, wäre kein Gott der Liebe. Doch ein Gott, der nur weint, wäre auch kein Gott der Hoffnung. Jesus tut beides: Er weint – und er ruft ins Leben. Darum dürfen auch wir beides: trauern über das, was verloren ging, und hoffen auf das, was neu entstehen kann. Vielleicht hören wir auch auf unserem gemeinsamen Weg irgendwann diesen Ruf: „Komm heraus.“ Komm heraus aus Angst, aus Resignation, aus den Warteschleifen des Lebens. Und vielleicht geschieht dann etwas, das man zunächst kaum glauben kann: Dass aus Abschieden neue Wege entstehen.
Dass aus Unsicherheit neue Gemeinschaft wächst. Und dass mitten im Leben etwas aufleuchtet, das stärker ist als das Grab.
Das wünsche ich uns als Evangelische Kirchengemeinde in Witten. Amen.
Dirk Schuklat
