„Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch einen Körper habt.“
(Hebräer 13,3)

Als Jugendlicher hatte ich einen Freund, mit dem ich oft ins Kino ging. Wenn es auf der Leinwand richtig spannend wurde, konnte ich nicht mehr hinsehen. Ich hielt mir die Augen zu. Mein Freund dagegen konnte nicht mehr hinhören und hielt sich die Ohren zu. Nach dem Film mussten wir uns gegenseitig erzählen, was wir verpasst hatten. Damals fanden wir das einfach lustig. Heute denke ich: Eigentlich war das eine Form von Mitgefühl. Wir konnten das Geschehen nicht einfach als Zuschauer betrachten. Es ging uns zu nah. Wir litten mit. Vielleicht ist genau das die Richtung, in die der Hebräerbrief denkt, wenn er schreibt: „Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr Mitgefangene.“ Der Verfasser fordert nicht dazu auf, Leid lediglich zur Kenntnis zu nehmen. Er lädt dazu ein, sich berühren zu lassen. Nicht wegzuschauen. Nicht innerlich auf Abstand zu gehen. Sondern die Verbindung zu anderen Menschen nicht abreißen zu lassen.

Das ist gar nicht so einfach. Wir leben in einer Zeit, in der täglich unzählige Nachrichten auf uns einströmen. Kriege, Krisen, politische Konflikte, wirtschaftliche Sorgen und die rasanten Entwicklungen rund um die künstliche Intelligenz begleiten unseren Alltag. Manchmal passiert so viel gleichzeitig, dass das Herz kaum noch hinterherkommt. Die Gefahr besteht nicht nur darin, dass wir uns streiten oder gegeneinanderstehen. Die größere Gefahr ist vielleicht, dass wir abstumpfen. 

Der Dichter Rainer Maria Rilke beschreibt in seinem Gedicht „Der Panther“ ein Tier hinter Gittern.

„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.“

Dabei wird deutlich: Gefangenschaft hat viele Gesichter. Die meisten Gefängnisse unserer Zeit haben keine Mauern und keine Stacheldrähte. Menschen können gefangen sein in Krankheit, Einsamkeit, Angst, Schuld oder Hoffnungslosigkeit. Oft sieht man diese Gefängnisse nicht auf den ersten Blick. Und oft hat man vergessen, auf welcher Seite der Stäbe man sich eigentlich befindet. 

Der Hebräerbrief erinnert uns daran, dass wir selbst verletzliche Menschen sind. „Weil auch ihr noch einen Körper habt“, heißt es weiter. Wir kennen Schmerz, Sorgen und Unsicherheit aus eigener Erfahrung. Gerade deshalb können wir mitfühlen. Für mich ist das auch eine wichtige Erinnerung in den aktuellen Veränderungsprozessen unserer Kirche. Gemeinden wachsen zusammen, Strukturen verändern sich, manches wird neu geordnet. Solche Entwicklungen sind notwendig. Aber mitten in allen organisatorischen Fragen bleibt eine entscheidende Aufgabe: Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren. Vielleicht liegt darin überhaupt die Zukunft der Kirche: nicht zuerst in Gebäuden, Programmen oder Konzepten, sondern darin, dass Menschen einander wahrnehmen. Dass jemand sagt: „Ich sehe dich.“ Dass niemand vergessen wird. Darum die Frage für diese Woche: Wer könnte sich freuen, wenn Sie an ihn denken? Wen könnten Sie anrufen, besuchen oder einfach einmal fragen, wie es ihm geht? 
Vielleicht beginnt Gottes Reich manchmal genau dort: in einem offenen Ohr, einem freundlichen Wort oder einer kleinen Geste der Aufmerksamkeit.

Amen.

Dirk Schuklat

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