Der Titel spricht mich sofort an, als ich ihn in einem christlichen Magazin lese: “Nicht heulen, sondern handeln!“. Also bestelle ich mir das Buch und schlage es auf, als ich auf dem Weg zu einem Termin in die USA im Flieger sitze. Der Autor, Erik Flügge, bezeichnet sich selbst als politischer Stratege. Er schreibt dieses Buch als liberaler Katholik für die Protestanten, um sie aufzurütteln. Alle Freiheiten, die er sich in seiner eigenen Kirche wünscht, sieht er bei uns – und wir machen seiner Meinung nach zu wenig daraus. “Wo ist der Steve Jobs des Protestantismus, der nicht immer das Alte bewahrt, sondern sich selbst erlaubt, schlicht anders zu denken?” fragt er. Wie ich finde, zu Recht. Die Reformatoren schauten weit nach vorne, über den Horizont hinaus. Tun wir das heute noch? In unserer Gemeinde? Diese Frage beschäftigt mich, aber ich komme kaum dazu, Luft zu holen, denn er legt nach: “Ist ein schlecht besuchter Gottesdienst nicht überflüssig, da wir das Prinzip des Priestertums aller Gläubigen als Grundsatz haben sollten?“. Ich spüre einen inneren Widerstand. Wenn nur noch drei Prozent der Kirchenmitglieder sonntags in die Kirche gehen, sollte man aufhören, meint Herr Flügge. Bei seiner Schätzung trifft er übrigens genau unseren Schnitt in der Gemeinde: Drei Prozent von 2800 Gemeindegliedern sind 84 Menschen. Die Frage, ob der Gottesdienstbesuch am Sonntag auch in Zukunft der Gradmesser für die Lebendigkeit unsere Gemeinde ist, halte ich für berechtigt. Der gesellschaftliche Wandel zeigt sich auch hier – hin zu einer Eventkultur, weg von festen, wöchentlichen Ritualen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass unsere Gottesdienste wertvoll sind. Vielleicht sollten wir ihn einmal einladen. Und es geht weiter: Der Autor fordert, die Bibel weiter zu schreiben, offensichtlich falsche Passagen zu streichen. Was wäre, wenn die evangelische Kirche alle fünf Jahre einen neuen Reformator wählen würde oder eine neue Reformatorin? Ein sympathischer Gedanke, wenn ich mir unsere aktuelle Kirchenführung ansehe. Zu glatt, zu wenig polarisierend empfinde ich unser Führungspersonal. Dieses Buch wühlt auf, es stellt viel von dem in Frage, was auch wir als Gemeinde tun. Aber es bestätigt auch einige wertvolle Traditionen, die wir seit den Achtzigerjahren pflegen: Weg mit dem Talar, her mit praxisnahen Predigten, orientiert am wahren Leben. Nach neunzig Seiten ist mein Flug noch nicht einmal zur Hälfte vorbei. Wann habe ich zuletzt ein Buch in nur zwei Stunden so verschlungen? Und mein Entschluss steht: Ich werde die provokante Schrift allen Mitgliedern des Presbyteriums in der nächsten Sitzung schenken: Als Diskussionsgrundlage. Als Prüfstein unserer eigenen Arbeit im Leitungsgremium. Und ich empfehle es allen Menschen, die nicht nur unsere Gemeinde, sondern unsere Kirche und die Welt um uns aktiv gestalten wollen. Mutig, mit klarer Botschaft und mit einem gesunden Maß an Risiko. Kauft Euch dieses Buch und lasst uns damit beginnen. Gerne kontrovers im Gespräch – aber immer konstruktiv. 

Lars Kroll

 

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